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Die blaue Rose
Der Kaiser von China hatte eine Tochter, die war schön und sehr klug – und sehr, sehr eigenwillig: was sie nicht wollte, das wollte sie nicht.
Und heiraten, heiraten wollte sie ganz gewiß nicht.
Am Hof und im ganzen Reich wurde darüber schon getuschelt:
“Sie nimmt keinen Mann. Sie will keinen Mann! Was mag da nur los sein?
Ist sie zu stolz? Oder kann sie nicht lieben? Oder ist sie am Ende gar verhext?”
Ihr Vater, der Kaiser, drängte sie darum jeden Tag, doch einen Ehemann zu nehmen, und endlich sagte sie: “Also gut, ich werde heiraten – aber nur den, der mir eine blaue Rose bringt”.
Da rief der Kaiser alle großen und wichtigen Männer des Reiches in seinen Palast, und sagte, derjenige solle seine einzige Tochter zur Frau bekommen, der ihr eine blaue Rose bringe.
“Eine blaue Rose? Eine blaue Rose! Hat man davon je gehört?!”
Die Freier murmelten und murrten und machten sich davon.
Und nur drei blieben übrig: der erste ein großer Kriegsheld,
der zweite ein reicher Kaufmann,
der dritte ein Gelehrter, bewandert in allen Wissenschaften und in der schwarzen Kunst der Hexerei.
Und die versprachen nun alle drei, in dreißig Tagen zurückzukommen mit einer blauen Rose.
Der Kriegsheld rüstete sich und zog mit hundert Kampfgefährten gegen ein benachbartes Königreich, das war berühmt für seine Schätze.
Und dem König des Reiches ließ er sagen:
“Ich werde dich vom Thron stürzen und dein Reich zerstören,
wenn du mir
nicht eine blaue Rose bringst!”
Der König erschrak, und mit ihm sein Reich,
und seine Diener und Ratgeber überlegten hin und her,
bis endlich einer in einer Schatzkammer einen großen blauen Edelstein fand,
einen gewaltigen Saphir. Den brachte man zu einem Edelsteinschleifer,
der schnitt daraus eine blaue Rose, die gab man dem fremden Krieger,
und der zog zufrieden ab.
Der Kaufmann durchforschte all seine Lager und Speicher
und ließ auf allen Märkten im Inland und Ausland fragen,
ob eine blaue Rose zu kaufen wäre – aber sie war für Geld nicht zu haben.
Da erstand er für ein Vermögen eine Schale aus Porzellan,
zart wie ein Posenblatt,
und vom besten und teuersten Maler des Reiches ließ er da hinein
eine blaue Rose malen.
Der Gelehrte ging in sein Haus, schloß sich ein in der innersten Kammer, s
chlug nach in den uralten Büchern, fand die geheime Formel,
mischte seltsame Kräuter und Pulver, kochte daraus einen blauen Sud,
stellte eine weiße Rose hinein – und die weiße Rose färbte sich blau!
Nach dreißig Tagen kamen die drei zum kaiserlichen Palast;
verneigten sich vor dem Kaiser und vor seiner Tochter,
dann trat der Krieger vor und gab der Prinzessin die Edelsteinrose.
“Das ist keine blaue Rose,” sagte die Prinzesssin, “das ist ein Saphir,
und davon hab ich mehr als genug.”
Da trat der Kaufmann vor und reichte ihr die Rose aus Porzellan.
“Wie schön, wie wunderschön,” sagte die Prinzessin.
“Sollte ich jemals wirklich eine blaue Rose bekommen,
so will ich sie nur in diese Vase stellen.”
Da trat der Gelehrte vor und gab ihr die Zauberrose.
Die Prinzessin nahm sie, besah sie von allen Seiten,
ging damit zum geöffneten Fenster – da flog ein Schmetterling herein,
setzte sich auf die Rose und fiel im Augenblick wie tot zu Boden.
“Das ist
keine blaue Rose”, rief die Prinzessin, “das ist Gift und Betrug und Hexerei!”
Am Abend dieses Tages ging sie durch den Garten des kaiserlichen Palastes.
Da hörte sie von jenseits der Mauer eine wunderschöne Melodie,
und jemand sang dazu von der Schönheit und von der Liebe
und von der Sehnsucht. Sie stieg auf einen Gartenstuhl, schaute über die Mauer und erblickte einen jungen Spielmann.
“Wie schön ist dein Lied, Fremder,” sagte sie.
Viel schöner ist dein Gesicht, Fremde,” sagte er.
Und die Luft war süß und der Mond schien wie Silber
und sie blieben sich nicht lange fremd, denn ihre Herzen fanden zueinander.
“Du bist der erste Mann, den ich lieben kann,” sagte die Tochter des Kaisers, “doch ich kann dich nicht heiraten,
denn ich habe erklärt, ich würde nur den zum Mann nehmen,
der mir eine blaue Rose bringt.
Und das Wort der Tochter des Kaisers ist wie ein Gesetz.”
“Ach, wenn es mehr nicht ist!”, sagte der Spielmann,
“morgen früh komm ich zu dir in den Palast mit einer blauen Rose.”
Am andern Morgen ging der Spielmann zum Palast,
und unterwegs pflückte er am Straßenrand eine weiße Rose.
Und er trat vor den Kaiser und seine Tochter, verneigte sich
und gab der Prinzessin die Blume, die er in der Hand hielt.
Die nahm die Blume und sah den Spielmann an und sagte,
ja, genau so eine blaue Rose habe sie sich immer gewünscht.
Und weil das Wort der Tochter des Kaisers wie ein Gesetz ist,
darum sagte ihr Vater:
“Sie hat es gesagt, die Rose ist blau, und damit wird sie jetzt deine Frau!”
Und sie heirateten und wurden sehr glücklich und bekamen viele Kinder.
Und im Garten ihres Palastes blühten tausende weiße Rosen, aber sie nannten ihn nur – unsern blauen Garten.
aus Lisa Tetzner / 365 Märchen)

Der Seelnvogel
Tief, tief in uns wohnt die Seele.
Noch niemand hat sie gesehen,
aber jeder weiß, dass es sie gibt.
Und jeder weiß auch, was in ihr ist.
In der Seele,
in ihrer Mitte,
steht ein Vogel
auf einem Bein.
Der Seelenvogel.
Und er fühlt alles,
was wir fühlen.
Wenn uns jemand verletzt,
tobt der Seelenvogel in uns herum;
hin und her, nach allen Seiten,
und alles tut ihm weh.
Wenn uns jemand lieb hat,
macht der Seelenvogel fröhliche Sprünge
kleine, lustige,
vorwärts und rückwärts,
hin und her.
Wenn jemand unseren Namen ruft,
horcht der Seelenvogel auf die Stimme,
weil er wissen will,
ob sie lieb oder böse klingt.
Wenn jemand böse auf uns ist,
macht sich der Seelenvogel ganz klein
uns ist still und traurig.
Und wenn uns jemand in den Arm nimmt,
wird der Seelenvogel in uns
größer und größer,
bis er uns fast ganz ausfüllt.
So gut geht es ihm dann.
Ganz tief in uns ist die Seele.
Noch niemand hat sie gesehen,
aber jeder weiß, dass es sie gibt.
Und noch nie,
noch kein einziges mal, wurde
ein Mensch ohne Seele geboren.
Denn die Seele schlüpft in uns,
wenn wir geboren werden,
und sie verlässt uns nie,
keine Sekunde,
solange wir leben.
So, wie wir auch nicht aufhören zu atmen
von unserer Geburt bis zu unserem Tod.
Sicher willst du wissen,
woraus der Seelenvogel besteht.
Das ist ganz einfach.
Er besteht aus Schubladen.
Diese Schubladen können wir
nicht einfach aufmachen,
denn jede einzelne ist abgeschlossen
und hat ihren eigenen Schlüssel.
Und der Seelenvogel ist der einzige,
der die Schubladen öffnen kann.
Wie?
Auch das ist ganz einfach:
mit seinem Fuß.
Der Seelenvogel steht auf einem Bein.
Das zweite hat er, wenn er ruhig ist,
an den Bauch gezogen.
Mit dem Fuß dreht er den Schlüssel
zu der Schublade um,
die er öffnen will,
zieht am Griff,
und alles, was darin ist,
kommt zum Vorschein.
Und weil alles, was wir fühlen,
eine Schublade hat,
hat der Seelenvogel viele Schubladen.
Es gibt eine Schublade für Eifersucht
und eine für Hoffnung.
Es gibt eine Schublade für Enttäuschung
und eine für Verzweiflung.
Es gibt eine Schublade für Geduld
und eine für Ungeduld.
Auch für Hass und Wut und Versöhnung.
Eine Schublade für Faulheit und Leere
und eine Schublade für die
geheimsten Geheimnisse.
Diese Schublade wird fast nie geöffnet.
Es gibt auch noch andere Schubladen.
Du kannst selbst wählen, was drin sein soll.
Manchmal sind wir eifersüchtig
ohne dass wir es wollen.
Und manchmal machen wir etwas kaputt,
wenn wir eigentlich helfen wollen.
Der Seelenvogel gehorcht uns nicht immer
und bringt uns manchmal
in Schwierigkeiten…
Man kann schon verstehen,
dass die Menschen verschieden sind,
weil sie verschiedene Seelenvögel haben.
Es gibt Vögel,
die jeden Morgen die Schublade
“Freude” aufmachen.
Dann sind die Menschen froh.
Wenn der Vogel
die Schublade “Wut” aufmacht,
ist der Mensch wütend.
Und wenn der Vogel
die Schublade nicht mehr zuschließt,
hört der Mensch nicht auf, wütend zu sein.
Manchmal geht es dem Vogel nicht gut.
Dann macht er böse Schubladen auf.
Geht es dem Vogel gut,
macht er Schubladen auf, die uns gut tun.
Manche Leute hören den Seelenvogel oft,
manche hören ihn selten.
Und manche hören ihn
nur einmal in ihrem Leben.
Deshalb ist es gut, wenn wir
auf den Seelenvogel horchen,
der tief, tief in uns ist.
Vielleicht spät abends,
wenn alles still ist….
(Michal Snunit und Ná ama Golomb)




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